Mein Körper fühlt sich nach der Krankheit fremd an. Was kann mir helfen?
von Dr. Babett Baraniec
18 Operationen haben Babetts Körper verändert. Hier erzählt sie, was ihr im Umgang mit Narben, Port und dem Blick anderer am Ende geholfen hat.
Die kurze Antwort: Du musst deinen veränderten Körper nicht schön finden. Fang dort an, wo du deinen Körper magst: Hast du süße Grübchen im Gesicht? Magst du deine leuchtenden Augen? Oder liebst du deinen knackigen Po? Du entscheidest, was du anschauen, zeigen oder berühren lassen möchtest. Kleine, selbstbestimmte Erfahrungen helfen oft mehr als eine Spiegelübung, zu der du dich zwingen musst.
Ich bin Babett und wurde inzwischen 18-mal operiert. Mein Körper trägt Narben, einen Port und ziemlich viel medizinische Geschichte. Manches davon gehört für mich längst dazu. Anderes nervt mich. Und manches fühlt sich jeden Tag anders an.
Vielleicht siehst du eine Narbe, ein Stoma oder einen Port. Vielleicht sieht man von außen fast nichts, aber Schmerzen, Taubheit oder Fatigue haben verändert, wie du dich bewegst und anfassen lassen möchtest. Das eigene Körpergefühl entsteht eben nicht nur vor dem Spiegel. Es hat auch damit zu tun, was du spürst, was dein Körper kann und wie sicher du dich mit anderen Menschen fühlst.
Warum ich die Narbe vor unserem ersten Date erwähnt habe
Noch vor unserem ersten Tinder-Date schrieb ich Sebastian, dass ich gerade eine große Operation hinter mir hatte und eine deutliche Bauchnarbe mitbringe. Nicht, weil er einen Warnhinweis brauchte. Ich wollte nur nicht im entscheidenden Moment überlegen, ob und wie ich es anspreche. Nachdem es gesagt war, konnte ich viel entspannter zu dem Treffen gehen.
Sebastian sagt bis heute, dass die Nachricht für ihn hilfreich, aber nicht nötig gewesen wäre. Weder mein Bauch noch mein Port haben ihn jemals gestört. Diese Erfahrung nehme ich bis heute mit: Das Gegenüber ist oft viel entspannter, als die eigene Angst vorher behauptet. Eine Garantie gibt es dafür natürlich nicht. Aber wir müssen eine mögliche Ablehnung auch nicht schon im Kopf vorwegnehmen.
Sebastians entspannter Blick hat nicht automatisch alle meine eigenen Unsicherheiten beseitigt. Das kann und soll ein Partner auch gar nicht leisten. Geholfen hat mir, dass wir offen waren und nie so getan haben, als müsste er Narben oder den Port höflich weglächeln. Sie sind da. Wir können darüber reden, Fragen stellen und trotzdem ziemlich viel Spaß miteinander haben.
Den eigenen Körper lieben? Muss man nicht.
Ganz ehrlich: Der Satz „Du musst deinen Körper nur lieben lernen“ nervt mich manchmal. Als bräuchte man nach Krankheit noch eine weitere Aufgabe auf dem Therapieplan. Du darfst eine Narbe hässlich finden, deinen früheren Körper vermissen oder wütend auf das sein, was die Erkrankung hinterlassen hat.
Es muss nicht gleich große Körperliebe sein. Gewöhnung, Respekt oder ein neutrales „So sehe ich heute aus“ sind völlig in Ordnung. Und ja, an anderen Tagen sehe ich meine langen Beine und denke „olalala“. Auch das darf zu demselben Körper gehören.
Du musst dich auch nicht gleich vor den Spiegel stellen
Wenn vor dem Spiegel sofort die innere Kritik losgeht, lass ihn erst einmal weg. Spür lieber etwas, das sich noch gut anfühlt: eine warme Tasse in den Händen, den Stoff am Körper oder den Boden unter den Füßen. Du musst dabei weder entspannen noch etwas Schönes fühlen. Es reicht, deinen Körper wieder selbst wahrzunehmen und damit neutrale oder positive Empfindungen zu spüren.
- Wähle eine Körperstelle, die sich neutral oder sogar gut anfühlt, zum Beispiel Hände, Oberkörper oder Füße.
- Achte eine Minute darauf, welche Empfindungen du mit dieser Körperstelle fühlst: Temperatur, Druck, Kleidungsstoff oder Untergrund.
- Frag dich anschließend nicht „War das gut?“, sondern „Konnte ich bestimmen, was passiert?“
Grün, Gelb, Rot: Was geht heute?
Mit einer Partnerperson helfen manchmal drei Farben. Grün heißt: Berührung ist heute willkommen. Gelb bedeutet: bitte fragen, langsam anfangen oder nur über der Kleidung. Rot heißt: heute nicht. Mein Bauch kann sich an einem Tag gut und schmerzfrei anfühlen. Am nächsten Tag sorgen Blähungen für großes Unbehagen und machen Berührungen unangenehm. Das darf sich ändern, auch mitten in einer Situation.
"Du darfst meinen Bauch gern sehen. Berührungen möchte ich an dieser Stelle heute aber nicht. Wenn sich das ändert, sage ich es dir."
Du bestimmst, was du zeigen möchtest
Licht an oder aus, Kleidung anlassen, eine Decke nehmen, eine Stelle zeigen oder nicht zeigen: Du musst niemandem beweisen, wie mutig du bist. Mach es dir so, dass du dich sicher fühlst und deine Meinung ändern kannst. Später darf es anders sein. Es darf aber auch genau so bleiben.
Eine Frage für diese Woche: Welche eine Sache hat dein Körper heute möglich gemacht? Warm duschen, jemanden umarmen, schmecken, spazieren oder kurz in der Sonne sitzen reicht völlig. Du musst dafür nicht dankbar sein. Es ist nur ein zweiter Blick neben Befunden, Narben und allem, was gerade nicht geht.
Wenn der eigene Körper Angst macht
Wenn Spiegel, Nacktheit oder Berührung starke Angst, Ekel, Panik, belastende Erinnerungen oder dauerhaften Rückzug auslösen, hol dir Unterstützung. Psychoonkologische, psychotherapeutische oder sexualtherapeutische Begleitung kann helfen. Neue Schmerzen, Taubheit, Wunden oder andere körperliche Veränderungen solltest du medizinisch klären lassen.
Bitte nimm deinen Körper ernst: Dieser Beitrag gibt Orientierung und ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische, paar- oder sexualtherapeutische Beratung. Neue, starke oder zunehmende Beschwerden sowie Unsicherheit zu deiner Belastbarkeit gehören in fachkundige Hände.
Noch drei Fragen, die oft direkt danach kommen
Muss ich meinen Körper nach einer Krankheit wieder lieben lernen?
Nein. Neutralität, Respekt und ein verlässlicher Umgang mit deinen Grenzen sind genauso wertvoll. Körperliebe kann entstehen, ist aber weder Pflicht noch Beweis dafür, dass du eine Erkrankung gut verarbeitet hast.
Sollte ich mich zu Spiegelübungen überwinden?
Nicht, wenn der Spiegel dich gerade massiv stresst. Körperstellen erspüren, die sich gerade gut anfühlen, kann ein viel passenderer Anfang sein. Bei starker Belastung ist fachliche Begleitung sinnvoll.
Wie kann mein:e Partner:in helfen?
Fragend und entspannt. „Was wäre gerade angenehm?“ hilft oft mehr als ein schnelles „Für mich bist du trotzdem schön“. Legt gemeinsam fest, was sich in welcher Situation für euch beide angenehm anfühlt.
Quellen und Weiterlesen
- Krebsinformationsdienst des DKFZ: Sexualität und Krebs
- Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: Körperbild und Intimität
- Leemans et al. (2025): Sexual Dysfunction in Patients with Chronic Non-Genital Physical Disease: An Umbrella Review
- Cunha et al. (2026): Positive body image and chronic illness: A systematic review