Dating mit chronischer Krankheit: Wann erzähle ich davon?

WiederNah Magazin: Ein Finger über dem Herz auf einem Profil in einer Dating-App
von Dr. Babett Baraniec

Babett lernte Sebastian mitten im Progress kennen. Sechs Jahre später erzählt sie, warum frühe Ehrlichkeit für sie richtig war und wie du deinen eigenen Zeitpunkt findest.

Die kurze Antwort: Du musst deine chronische Erkrankung weder ins Datingprofil schreiben noch beim ersten Treffen ausführlich erklären. Sprich sie an, wenn sie für die Planung des Dates wichtig ist, wenn du Beschwerden nicht länger verstecken möchtest oder bevor eine intime Situation entsteht, in der dein Gegenüber etwas wissen sollte. Sag nur so viel, wie für diesen Moment nötig ist. Befunde, Prognosen und deine ganze Krankengeschichte bleiben privat, solange du sie nicht teilen möchtest.

Gerade habe ich wieder Progress, meine Krebserkrankung ist also erneut fortgeschritten. Ich muss mehrfach ins Krankenhaus, an meinem Körper kleben neue Pflaster und unter einigen liegen frische Wunden. Natürlich macht das etwas mit mir. Ich kenne diese Situation nach vielen Jahren mit Krebs ziemlich gut, aber sie wird deshalb nicht einfacher. Da sind wieder Ängste, Termine und diese Unsicherheit, wie es weitergeht.

Sebastian und ich sind seit sechs Jahren zusammen. Er kennt mich gar nicht ohne Krebs, Narben und das ganze Drumherum. Unsere Beziehung ist stark und hält auch diese neue Phase aus. Ich glaube, dass unser Kennenlernen dabei eine Rolle spielt. Denn als wir uns trafen, war ich ebenfalls im Progress. Wir mussten über manches sehr viel früher sprechen, als wir es uns vermutlich ausgesucht hätten.

Als wir uns kennenlernten, war ich ebenfalls im Progress

Ich lernte Sebastian über Tinder kennen und suchte dort ehrlich gesagt keine große Liebe, sondern eine Freundschaft plus. Kurz vor unserem ersten Treffen hatte ich eine große Operation hinter mir. Mein Bauch trug eine frische, deutlich sichtbare Narbe. Wenn wir uns mochten, würde er sie ziemlich wahrscheinlich bald sehen. Ich wollte nicht erst beim Ausziehen überlegen, wie ich das nun erkläre. Also schrieb ich ihm vorher davon.

Für Sebastian war das hilfreich, aber kein Problem. Gefühlt zehn Minuten nach unserer ersten Begegnung waren wir nackt. Die geplante Freundschaft plus hielt auch nicht besonders lange, denn die Liebe kam sehr schnell hinterher. Mein Bauch und später auch mein Port haben Sebastian nie gestört. Natürlich läuft nicht jedes Date so. Aber die Sorge vor der Reaktion kann im eigenen Kopf viel größer werden als die Reaktion selbst.

Wir waren außerdem sehr schnell mitten im Krebschaos. Lange so zu tun, als wäre mein Leben unkompliziert, war gar nicht möglich. Für Gespräche, für die Paare ohne Krankheit vielleicht Monate oder Jahre Zeit haben, hatten wir keine Anlaufzeit. Wenn eine Behandlung anstand, eine Wunde da war oder ich Angst hatte, mussten wir darüber reden. Wir konnten uns nicht erst langsam an diese Themen herantasten.

Musst du es vor dem ersten Date sagen? Nein.

Meine Entscheidung war für mich richtig. Sie ist aber keine Regel. Deine Diagnose ist keine Pflichtangabe im Profil und ein Match hat keinen Anspruch auf Befunde, Prognosen oder deine Medikamentenliste. Du darfst erst einmal herausfinden, ob du diesen Menschen überhaupt treffen möchtest. Du darfst auch nach einem Date feststellen, dass es kein zweites geben wird, ohne vorher etwas sehr Privates erzählt zu haben.

Untersuchungen mit jungen Erwachsenen nach einer Krebserkrankung zeigen, dass Betroffene sehr unterschiedlich entscheiden, wem sie wann und wie viel erzählen. Nähe und Vertrauen spielen dabei eine Rolle, aber auch die Angst vor Mitleid, Ablehnung oder unpassenden Fragen. Es ist also kein Wunder, wenn du zwischen Offenheit und Selbstschutz hin und her schwankst.

Was verändert die Information am nächsten Treffen? Wenn die Antwort lautet „eigentlich nichts“, kannst du dir Zeit lassen. Wenn du wegen Fatigue einen Sitzplatz brauchst, eine sichtbare Narbe erklären möchtest oder eine Berührung vermeiden musst, kann eine kurze Information vorher sehr entlasten.

Wann ich nicht länger warten würde

  • Wenn die Erkrankung bestimmt, welcher Ort, welche Dauer oder welche Aktivität für dich möglich ist.
  • Wenn du Beschwerden versteckst, dich beim Date überforderst oder ständig nach einer Ausrede suchst.
  • Wenn körperliche Nähe entsteht und eine Narbe, ein Port, ein Stoma, Schmerzen oder empfindliche Stellen wichtig werden.
  • Wenn etwas die Gesundheit oder Sicherheit der anderen Person betrifft. Das gehört rechtzeitig vor die betreffende Situation.
  • Wenn du merkst, dass das Verschweigen inzwischen mehr Kraft kostet als das Erzählen.

So viel Information reicht oft schon

Du musst nicht mit Diagnosejahr, Therapieplan und letzter Blutabnahme anfangen. Überlege zuerst, was die Person für das konkrete Treffen wissen sollte. Danach kannst du entscheiden, ob du auch den Namen der Erkrankung nennen oder mehr von deiner Geschichte erzählen möchtest.

Wenn du schnell erschöpft bist: „Ich freue mich auf unser Treffen. Wegen meiner chronischen Erkrankung bin ich im Moment schnell müde. Ein ruhiges Café wäre für mich besser als ein langer Spaziergang, und vielleicht gehe ich etwas früher nach Hause.“

Wenn du grundsätzlich etwas sagen möchtest: „Ich mag unser Schreiben und möchte dir vor dem Treffen noch etwas erzählen. Ich lebe mit einer chronischen Erkrankung. Du darfst mich gern fragen, was das für meinen Alltag bedeutet. Meine ganze Krankengeschichte möchte ich beim ersten Date aber noch nicht erzählen.“

Wenn es wahrscheinlich intim wird: „Mein Bauch wurde mehrfach operiert und sieht entsprechend aus. Ich sage dir das vorher, weil ich mich später nicht mit deiner ersten Reaktion beschäftigen möchte. Eine Stelle ist noch empfindlich. Ich zeige dir, wo du mich lieber nicht berühren solltest.“

Wenn eine Frage zu weit geht: „Über meinen Alltag mit der Erkrankung können wir gern sprechen. Prognosen und Behandlungsdetails sind mir für heute zu persönlich.“

Die Reaktion sagt dir etwas über dein Gegenüber

Nicht jede unbeholfene Reaktion ist gleich Ablehnung. Manche Menschen werden erst einmal still oder stellen eine Frage, die ziemlich schief herauskommt. Entscheidend ist, wie sie mit deiner Antwort umgehen. Hört die Person zu? Akzeptiert sie, dass du etwas nicht erzählen möchtest? Kann sie fragen, was du brauchst, ohne aus dem Date ein medizinisches Gespräch zu machen?

  • Gut tut meistens echtes Interesse ohne Dauerbefragung: „Was wäre für unser Treffen wichtig?“
  • Eine ungeschickte Frage kann passieren. Nimmt die Person deine Rückmeldung an, lässt sich das oft klären.
  • Ungefragte Heilungstipps, Zweifel an deiner Diagnose oder überschwängliches Mitleid darfst du stoppen.
  • Wenn jemand auf Details drängt, Grenzen testet oder deinen Körper zum Objekt macht, musst du das nicht höflich aushalten.

Und wenn jemand danach abspringt?

Eine Absage tut besonders weh, wenn du vorher lange überlegt und etwas sehr Persönliches erzählt hast. Menschen dürfen eigene Ängste und Grenzen haben. Was nicht in Ordnung ist: dich abzuwerten, dir Schuld zu geben oder so zu tun, als müsstest du dich für deinen Körper entschuldigen.

Wenn jemand danach geht, tut das weh. Es beweist aber nicht, dass deine Erkrankung dich grundsätzlich weniger liebenswert oder begehrenswert macht. Sebastian wusste vor unserem ersten Treffen, dass mein Leben mit Krebs kompliziert ist. Sechs Jahre später ist er immer noch da. Aber davor habe auch ich Menschen getroffen, mit denen es nicht so gut funktioniert hat.

Sechs Jahre später sind wir wieder mitten im Krebsalltag

Gerade fahre ich wieder öfter ins Krankenhaus. Es gibt neue Wunden, wieder Pflaster am Körper und neue Unsicherheit. Das ist auch für unsere Beziehung nicht immer leicht. Aber sie ist stark und hält das aus. Ich muss vor Sebastian nicht verbergen, wenn ich Angst habe, wenn eine Wunde anders aussieht oder wenn mir gerade alles zu viel wird. Wir sprechen darüber und schauen dann, was wir beide brauchen.

Vielleicht hilft uns heute, dass wir genau damit schon beim Kennenlernen anfangen mussten. Wir waren schnell mittendrin und konnten uns nicht mit einem freundlichen „Alles gut“ abspeisen. Diese Ehrlichkeit ist geblieben. Auch jetzt, im erneuten Progress.

Bevor du eine Nachricht schreibst: Notiere dir drei Punkte. Was muss die Person für das nächste Treffen wissen? Was möchtest du freiwillig erzählen? Welche Frage möchtest du noch nicht beantworten? Daraus lässt sich eine Nachricht schreiben, die zu deiner Situation passt und nicht zu irgendeiner Datingregel.

Wenn Dating gerade zu viel ist

Du musst nicht daten, nur um dir oder anderen etwas zu beweisen. Wenn Termine, Schmerzen, Fatigue oder Ängste gerade schon genug Raum einnehmen, darfst du eine Pause machen. Wenn Scham oder schlechte Erfahrungen dich sehr belasten, kann psychoonkologische, psychotherapeutische oder sexualtherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Dort kannst du in Ruhe sortieren, was du erzählen möchtest, wo deine Grenzen liegen und ob Dating gerade überhaupt in dein Leben passt.

Bitte nimm deinen Körper ernst: Dieser Beitrag gibt Orientierung und ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische, paar- oder sexualtherapeutische Beratung. Neue, starke oder zunehmende Beschwerden sowie Unsicherheit zu deiner Belastbarkeit gehören in fachkundige Hände.

Noch drei Fragen, die oft direkt danach kommen

Muss ich meine chronische Krankheit im Datingprofil nennen?
Nein. Deine Diagnose ist privat. Du kannst sie erwähnen, wenn sich das für dich gut anfühlt. Ein Profil schuldet fremden Menschen aber keine vollständige Krankengeschichte.

Ist es unehrlich, erst nach mehreren Dates davon zu erzählen?
Nein. Du darfst Vertrauen entstehen lassen, bevor du private Details teilst. Was für die Planung des Treffens, eine intime Situation oder die Gesundheit und Sicherheit der anderen Person wichtig ist, solltest du allerdings rechtzeitig ansprechen.

Wie stoppe ich zu viele medizinische Fragen?
Zum Beispiel so: „Über meinen Alltag mit der Erkrankung können wir gern sprechen. Prognosen und Behandlungsdetails sind mir für heute zu persönlich.“ Du musst diese Grenze nicht weiter begründen.

Quellen und Weiterlesen

  1. Krebsinformationsdienst des DKFZ: Sexualität und Krebs, Ratgeber für Paare und Alleinlebende
  2. Honda et al. (2024): Factors associated with cancer disclosure in adolescent and young adult cancer survivors: An integrative review from the social-ecological model perspective
  3. Barnett et al. (2014): Cancer-Related Disclosure Among Adolescent and Young Adult Cancer Survivors: A Qualitative Study
Zurück zum Magazin
Dr. Babett Baraniec und Sebastian Miedtank, das Paar hinter WiederNah

WiederNah

Krankheit verändert Körper, Nähe und Sexualität.

Wir sind Babett und Sebastian. Bei WiederNah sprechen wir über veränderte Körper, Partnerschaft, Dating, Lust und Lustlosigkeit. Mit eigener Krankheitserfahrung, wissenschaftlicher Expertise, verständlich erklärtem Wissen und Ideen, die auch in deinem Alltag funktionieren können.

Alles zu WiederNah